
Ich bin Dressurreiterin – und komme aus der Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin. Jahrelang habe ich als Krankenschwester im Swiss Olympic Medical Center gearbeitet und menschliche Athleten begleitet. Spitzensportler, die auf den Millimeter genau wissen wollten, wie ihr Körper gerade drauf ist. Puls, Regeneration, Belastungssteuerung – das war kein Nice-to-have, das war Pflicht. Kein Trainer hätte es riskiert, einen Athleten einfach „mal so“ ins Training zu schicken, ohne zu wissen, wie sein Körper gerade reagiert.
Und irgendwann stellte ich mir eine Frage, die für mich wirklich alles verändert hat: Warum ist es bei Sportlern völlig normal, Regeneration, Belastung und gezielte Vorbereitung ernst zu nehmen – aber beim Sportler Pferd heißt es dann einfach: „Ach, wird schon“?
Beim Pferd schauen wir, ob die Hufe glänzen, ob die Mähne sitzt, ob die Schabracke zum Stiefel passt – aber den Puls messen beim Pferd? Das macht kaum jemand. Dabei ist er eines der einfachsten, zugänglichsten und ehrlichsten Signale, die dein Pferd dir geben kann. Wenn dann etwas sichtbar nicht mehr stimmt, heißt es: „Das muss sich mal jemand angucken.“
👓 Dabei hättest du oft viel früher hinschauen können. Selbst. Mit zwei Fingern und 15 Sekunden Zeit.
Puls messen beim Pferd: Was der Ruhepuls dir verrät – und warum er so viel mehr ist als eine Zahl
Der Ruhepuls eines gesunden Pferdes liegt bei 25–40 Schlägen pro Minute. Klingt unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn diese Zahl ist dein persönlicher Frühwarnwert – und zwar nur dann, wenn du weißt, was für dein Pferd normal ist. Ein Pferd mit Normalwert 32, das plötzlich in Ruhe bei 48 liegt? Das ist kein Zufall. Das ist eine Alarmglocke!
Der Puls lügt nicht. Eine dauerhaft erhöhte Herzfrequenz bedeutet immer: Irgendetwas stimmt hier nicht. Das kann Aufregung sein – aber viel öfter steckt Schmerz dahinter.
Und hier wird’s richtig spannend, denn Schmerz ist für den Körper purer Stress. Auch wenn es noch keine offensichtliche Anzeichen gibt – aber der Körper läuft im Dauerstress-Modus, schüttet Adrenalin und Cortisol aus, die Muskulatur bleibt in permanenter Bereitschaftsspannung, die Durchblutung sinkt, Verhärtungen entstehen. Schleichend & Leise.
(Was du gegen Verspannungen und Rückenprobleme bei deinem Pferd selbst tun kannst, zeige ich dir übrigens hier 👉 10 Physio-Tipps für den Pferderücken die garantiert helfen! 📚)
Und – und das ist fast noch spannender: Nicht nur der Ruhepuls sagt dir etwas. Auch ein Puls, der nach einer lockeren Schrittrunde unnormal erhöht ist, oder eine langsame Erholung nach dem Training, bei der dein Pferd ewig braucht, um wieder in den Normalbereich zu kommen – das sind genauso wertvolle Hinweise. Dazu kommt bald ein eigener Artikel, denn das Thema füllt locker eine eigene Runde. Heute fangen wir erstmal mit dem Ruhepuls an. 😊
Herzfrequenz beim Pferd: Das Pferd, das einfach weitergemacht hat 🐎

Vor einiger Zeit rief mich eine Besitzerin, die nicht mehr weiterwusste. Ihr Pferd fühlte sich beim Aufsteigen frisch an, motiviert – die ersten L-Lektionen klappten ordentlich, und eigentlich sprach nichts dagegen, im Training langsam etwas mehr zu verlangen. Und dann passierte jedes Mal dasselbe: Nach ungefähr 20 Minuten war es, als hätte jemand den Stecker gezogen. Plötzlich zog das Pferd nicht mehr richtig an die Hilfen, wurde triebig, schwer in der Hand – obwohl es sonst eher weich und leicht zu reiten war. Sie vermutete mangelnde Fitness und rief mich für einen Fitnesstest mit Pulsgurt.
Im Schritt noch unauffällig. Im Galopp dann dieser eine feine Moment – die Bewegungsmechanik veränderte sich, das Pferd rutschte in eine Hangbeinlahmheit. Kaum sichtbar. Aber die Herzfrequenz schnellte hoch. So unverhältnismäßig und so deutlich, dass ich den Test sofort abgebrochen habe.
Was dann nach einiger Diagnostik herauskam: Meniskusschaden im linken Knie, drohende OCD. Der Chip hing quasi nur noch am seidenen Faden. Das Pferd hatte Schmerzen – wahrscheinlich monatelang. Und hat einfach weitergemacht, so gut es eben konnte. 20 Minuten lang. Der Puls hat uns verraten, was das Pferd nicht anders zeigte. 🫀
🐴 Zwei Finger. 15 Sekunden. So misst du den Puls beim Pferd
Mit ein wenig Übung ist es wirklich total leicht, versprochen. 😄 Die einfachste Stelle: Innenseite des Unterkieferastes. Arterie mit zwei Fingern ertasten, (fühlt sich an wie eine sicke, gekochte Makkaroni) 15 Sekunden zählen, mal 4 – fertig.
Alternativ kannst du auch einen Pulsgurt benutzen, den ich besonders beim Training liebe, weil er mir die Herzfrequenz direkt beim Reiten in Echtzeit zeigt.
Das Wichtigste dabei: Miss regelmäßig, immer zu etwa gleichen Zeiten. Mal zwei Wochen vor dem Training, dann 2 Wochen nach dem Training, dann 2 Wochen wenn du es aus der Box holst… du verstehst🙃.
Und schreib es auf!
Ich sage das bei fast jedem Physiotermin: Führe ein Gesundheitstagebuch für dein Pferd! Puls heute, Puls nächste Woche, Puls nach dem Training (unter anderem…). Klingt nach viel Aufwand? Ist es nicht. Ist aber der Unterschied zwischen „ich glaube, da stimmt was nicht“ und „schau, der Wert ist seit drei Wochen erhöht“ – also zwischen Bauchgefühl und Beweis. Und mit einem Beweis hört dir auch dein Tierarzt sofort viel schneller zu. 💪


💡 Ruhepuls beim Pferd kennen – und was du konkret damit anfangen kannst
Hand aufs Herz: Die meisten Pferdebesitzerinnen wissen auf Anhieb, welche Schabracke gerade angesagt ist – aber nicht, wie hoch der Ruhepuls ihres Pferdes ist. 😄 Das ist kein Vorwurf, das ist einfach so.
Gesundheit und Leistungsfähigkeit landen gedanklich oft erst dann ganz oben, wenn etwas sichtbar nicht mehr stimmt. Und dann? „Das muss sich mal jemand angucken.“ Verständlich – aber du kannst viel früher hinschauen. Selbst. Ohne Studium, ohne teures Equipment.
Regelmäßiges Pulsmessen gibt dir genau das: einen konkreten, messbaren Anhaltspunkt, mit dem du selbst beurteilen kannst, ob bei deinem Pferd gerade alles im grünen Bereich ist.
Denn erst wenn du weißt, was normal ist, fällt dir auf, wenn etwas abweicht.
Und Abweichungen sind oft das erste konkrete Zeichen, dass irgendetwas nicht stimmt – lange bevor eine Lahmheit sichtbar wird.
Stell dir vor, du misst den Ruhepuls heute – und in drei Wochen liegt er konstant höher. Keine Lahmheit, kein offensichtliches Problem. Aber dein Pferd ist anders drauf, weniger losgelassen, irgendwie nicht ganz bei der Sache. Mit diesem Vergleichswert gehst du zum Tierarzt mit einem konkreten Hinweis statt einem Bauchgefühl. Das ist ein Unterschied, der zählt. 💪
Herzfrequenz beim Pferd messen – dein Pferd ist ein Sportler, behandle es auch so
In der Sportmedizin war eines der wichtigsten Prinzipien denkbar simpel:
Wer Veränderungen erkennen will, muss wissen, was normal ist.
Kein Trainer, kein Physio, kein Arzt im Swiss Olympic Medical Center hätte auf dieses Wissen verzichtet. Messwerte, Vergleichswerte, Dokumentation – nicht als Bürokratie, sondern als echtes Werkzeug, um früh zu erkennen, wenn etwas aus dem Ruder läuft.
Dein Pferd ist genauso ein Athlet. Es trainiert, es regeneriert, es bringt Leistung – und es verdient dieselbe Aufmerksamkeit. Kein teures Equipment. Nur zwei Finger, 15 Sekunden und ein Notizbuch – und du hast ein Werkzeug in der Hand, das dir mehr verrät als jedes „kannst du mal eben draufgucken…“.
Fang heute an. Finde den Ruhepuls. Schreib ihn auf. Und mach es morgen wieder. 🐴
👉 Hol dir jetzt die kostenlose Anleitung zum Pulsmessen – ich zeige dir genau, wo du misst, wie du zählst und worauf du achten solltest. Der erste Eintrag in dein Gesundheitstagebuch wartet! 😊
📍 Du wohnst im Münsterland und willst den Fitnesszustand deines Pferdes wirklich sauber einschätzen lassen? Dann schau dir meine 3-2-1 Formel an – da berechnen wir gemeinsam die persönlichen Trainingszonen deines Pferdes und schauen, wo ihr gerade wirklich steht.
Wissen ist dein stärkstes Werkzeug – und die beste Prävention!
Sei neugierig, sei aufmerksam, und fang einfach mal an. Mit voller Liebe für dein Pferd. ❤️